Yelizaveta Pivtoratska ist aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet und arbeitet jetzt bei der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg.

Von der Geflüchteten zur Helferin: Wie eine Ukrainerin Mitarbeiterin der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg wurde

Als Anfang März Europas größtes Atomkraftwerk in der ukrainischen Stadt Saporischschja beschossen wurde, wusste Yelizaveta Pivtoratska: Es ist Zeit, zu gehen. Sie beschloss, ihre Stadt, ihr Land, ihre Heimat zu verlassen. Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn flüchtete die Ukrainerin aus Saporischschja zunächst nach Polen. In einer Flüchtlingsunterkunft kam sie dort per Zufall in Kontakt mit Freiwilligen aus Deutschland. Diese organisierten ihr und ihrem Sohn eine private Unterkunft zuerst in Rangsdorf, später in Potsdam und halfen ihr bei bürokratischen Angelegenheiten weiter.

Ansprechpartnerin für Ukraine-Geflüchtete in der Potsdamer Notunterkunft

Mitte Februar lebte Yelizaveta Pivtoratska noch ein ganz normales Leben in der Ukraine, Mitte März waren sie und ihr Sohn Geflüchtete in Deutschland, Mitte April hatte sie eine Arbeit in Potsdam: in der Notunterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine in der Metropolishalle in Babelsberg. Angestellt bei der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg, die die Unterkunft im Auftrag der Stadt Potsdam betreibt, ist Yelizaveta Pivtoratska muttersprachliche Ansprechpartnerin für die Menschen, die in der Notunterkunft untergebracht sind.

Dolmetschen ist aber nur eine ihrer vielen Aufgaben. Darüber hinaus zeigt sie den ukrainischen Geflüchteten in der Unterkunft, wo sie was finden, erklärt die Abläufe, nimmt Beschwerden und Wünsche entgegen – was eben  anfällt. „Die Menschen haben viele Fragen, jeden Tag“, sagt sie. Der Umgang damit fällt ihr leicht: In der Ukraine arbeitete sie im Kundenservice einer Fluggesellschaft. Mit Problemen und Beschwerden umzugehen, den Menschen weiterzuhelfen und sie zu beruhigen, war auch da Teil ihrer Arbeit.

Den Menschen aus der Ukraine einfach nur zuhören ist auch Teil ihrer Aufgabe

Dennoch ist die Arbeit bei der DRK-Flüchtlingshilfe für sie anders, oft emotional belastender. Auch einfach zuhören gehört zu ihren Aufgaben. „Die Menschen hier bringen viele Emotionen mit. Manchmal brauchen sie nur jemanden zum Reden“, sagt Yelizaveta Pivtoratska. Das sei nicht immer einfach für sie, aber sie spürt, dass sie für die Menschen in der Unterkunft eine wichtige Rolle innehat: „Wir sind ja in derselben Situation“, sagt sie.

Yelizaveta Pivtoratska ist glücklich über ihre Arbeit bei der DRK-Flüchtlingshilfe in der Potsdamer Notunterkunft. „Wir arbeiten hier wirklich im Team, auf sehr angenehme und respektvolle Weise. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt sie anerkennend und dankbar.

"Wie ein Uhrwerk": das Team der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg in der Metropolishalle

Zusammenkünfte zum gegenseitigen Austausch, gemeinsames Erörtern von Problemen statt Ansagen von oben – das Team funktioniere „wie ein Uhrwerk“. Und darüber hinaus: Das Team der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg in der Metropolishalle tauscht sich in einer wöchentlichen Runde auf Augenhöhe auch mit den Geflüchteten aus, geht auf Wünsche und Beschwerden ein. „Das Besondere ist, dass hier alle Probleme gleich ernst genommen werden, egal, ob es nur eine Person allein oder alle betrifft“, hebt Yelizaveta Pivtoratska hervor. Dies liege auch an der Leiterin der Notunterkunft, Constanze Kaden von der DRK-Flüchtlingshilfe Brandenburg.

Yelizaveta Pivtoratskas Ehemann ist in Saporischschja geblieben und leistet dort in einem privaten Zusammenschluss von Freiwilligen humanitäre Hilfe. Mit ihrem Mann ist sie täglich in Kontakt, meistens sagt er: alles gut. „Die Stadt ist noch nicht besetzt, und ich bin froh, das zu hören“, sagt Yelizaveta Pivtoratska. Die Sorge ist dennoch groß, auch der Schock über den Krieg sitzt bei ihr, bei der Familie, bei Freunden, noch tief. „Niemand hat das erwartet“, sagt sie.

"Noch nie so viel Hilfsbereitschaft erfahren"

Umso größer ist ihre Dankbarkeit für Unterstützung, die Geflüchteten aus der Ukraine in Deutschland entgegenkommt. Sie sagt: „Ich habe noch nie so viel Hilfsbereitschaft erfahren."

Wenn man sie fragt, was ihre weiteren Pläne sind, denkt Yelizaveta Pivtoratska kurz nach, lächelt, und sagt dann: „Das ist immer die erste Frage, die man in Deutschland stellt, wahrscheinlich weil ihr so gern plant.“ In der Ukraine sage man sich hingegen: Frag Gott nach seinen Plänen und er lacht dich aus. Aktuell könne man nicht absehen, wie sich die Situation in der Ukraine weiterentwickle. Viele Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, hätten daher gemischte Gefühle bei der Frage: als Geflüchtete im fremden Land bleiben oder zurückkehren?

Und wenn sie einen Wunsch frei hätte, für sich, für ihr Heimatland, für ihre Familie?

„Für die Ukraine wünsche ich mir Frieden und dass sich das Land erholt. Für meinen Sohn und mich selbst wünsche ich mir im Moment, dass wir uns hier gut integrieren können. Auch wenn derzeit nicht klar ist, ob wir hier bleiben oder zurückkehren werden. Aber falls wir bleiben, ist es besser, wenn wir integriert sind“, sagt Yelizaveta Pivtoratska.

Dann würde sie auch gern weiter für das DRK arbeiten. Denn: „Hier kann ich helfen.“

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